Das Hören ist nicht zu Ende
Hören, bevor du Abschied nimmst
Aufwach-Gefühl: 6.
Gestern holte ich mein Stern und ihre Mutter am Bahnhof ab, zurück von der Ostsee, ihrem zweiten Zuhause. Wir fuhren nach Müllrose, dann trennten sich unsere Wege, und ich kam zurück — zum Basislager, oder zum Garten. Ich weiß noch nicht, welches von beiden es ist.
Regen auf dem Zelt in der Nacht. Die Powerbank leer, kein Strom, das Telefon dunkel. Abgeschnitten von der digitalen Welt.
Wieder das Festival, wie in der Nacht zuvor — Techno von irgendwo durch die Wälder und über die Felder, das Wummern kam durch den Boden herauf bis ins Kissen. Ich lag und spürte es im Körper, bevor ich es hörte. Dann hörte ich den eigenen Herzschlag und schlief darauf ein.
Wachte auf zum Nebel, der vom Feld aufstieg, als die Sonne kam. Autos in der Ferne. Mütter und Väter auf dem Weg zur Arbeit. Kein Motor vom Boot des Fischers auf dem Bodden. Genug Strom im Netbook, um die Uhrzeit zu lesen. Dann der 5:30-Bus nach Frankfurt (Oder).
Blatt-Tag. Der Mond im Skorpion, im Wasser. An einem solchen Tag hört der Körper, so wie das Ohr arbeitet, bevor der Mund es tut.
Einunddreißig Jahre in Deutschland. Fünfzehn davon in Müllrose.
Im Bus trug ich drei Dinge. Die einunddreißig Jahre. Die fünfzehn. Und die Bedürfnisse derer, die mir nahe waren — gehalten, nicht ausgesprochen.
Ein Richter urteilt nicht nach der ersten Aussage. Er hört die eine, dann die nächste, dann den, der noch nicht gesprochen hat. Er wägt jeden ab, bevor er ein Wort sagt. Der Fall ist nicht geschlossen, nur weil das Hören lang ist.
Die alten Räte wussten das. Krieg oder Frieden, die Jagd, wen man aussendet und wen man fortschickt — nichts davon fiel einer einzigen Stimme zu. Der Kreis hörte jeden. Je schwerer die Sache, desto länger brannte das Feuer, bevor jemand sprach.
Am Ende entscheidet jemand. Der Kompass ist das Kind. Die Familie, die Gemeinschaft, der Frieden, auf dem sie ruhen — darauf zeigt die Nadel.
Der Abschied von der Vergangenheit — von den einunddreißig Jahren, von den fünfzehn, die am tiefsten in meinem Herzen liegen, von den Menschen, die mir nahe waren — ist innen schon gesagt. Zwei Wochen Tränen, am Bodden, und ein Lächeln. Ich habe losgelassen. Die Vergangenheit ist vorbei. Ich höre jetzt auf die Gegenwart. Wo ich lande für die nächsten fünfzehn, oder einunddreißig, ist der Teil, der noch gehört wird.
Ich bin nicht hier, um zu entscheiden, wer recht hat. Ich bin hier, um zu dienen, und um zu bauen — miteinander, mit denen, die bauen wollen, aus den Trümmern, wo immer sie liegen mögen, wann immer sie bereit sind.
Wer das ist, weiß ich noch nicht. Die Bereiten nennen sich selbst.
Überqueren heißt, weiter zu gehen und weiter zu hören, bevor das andere Ufer sich zeigt.
Das Hören ist nicht zu Ende. Ich bin hier, um zu dienen, mit. Der Rat ist noch nicht zusammengetreten.
Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Jetzt drei. Was ich benenne, ist, was ich brauche, wo auch immer ich lande. Nicht nur meines. Die Bedürfnisse der Menschen, die mir all die Jahre nahe waren, gehören auch dazu.
Tag 67 — Phase 10 — Wort — Dreifacher Wärmer — Beryll — Paulo Coelho
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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