DE | EN

Niemand und das neue Leben

Tag 18 — Montag, 13. April 2026 — Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern

Blütentag. Mond in Wassermann ab 05 Uhr. Mars Quadrat Venus um 07:00 Uhr.


Aufwach-Gefühl: 7. Noch müde von dreißig Kilometern vor zwei Tagen, aber da.

Gestern bin ich in Achims Kunstatelier gezogen — das Atelier neben dem großen naturnahen Schwimmteich. Ein anderer Boden zum Schlafen. Näher am Wasser.


Ich bin im ersten Licht hinausgegangen. Als ich die Tür öffnete, erhob sich ein Graureiher vom Schwimmteich und war fort. In der Ferne — die Krähe, die ich jeden Morgen der letzten achtzehn Tage gehört habe — still. Nur Möwen, weit weg, kaum hörbar.

Die alten Ägypter nannten den Reiher den Bennu — die Seele des Ra, das erste Wesen, das sich auf dem urzeitlichen Hügel niederließ, in dem Augenblick, als die Schöpfung begann. Er erscheint an Schwellen, bevor das Neue noch Gestalt angenommen hat. In der keltischen Tradition steht er zwischen den Welten — Wasser und Land, Sichtbares und Unsichtbares — keiner davon vollständig zugehörig. Er hebt ab und ist weg. Das ist seine Natur.

Ich wusste nichts davon, als er flog. Jetzt weiß ich es.

Der Weg war derselbe gewundene Weg zwischen dem Bodden und den Feldern, die Sonne auf der anderen Seite aufgehend. Achtzehn Morgen auf diesem Weg. Dieser Morgen war der stillste von allen.


Während des Gehens kamen zwei Worte: Intuition, Einstimmung. Nicht als Begriffe — als Frage über den Unterschied. Intuition kommt von innen. Einstimmung ist Entsprechung mit etwas, das bereits vorhanden ist — der Weg, das Wasser, das Licht, der Neumond in vier Tagen.

Ich sagte mir: Ich bin bereit, ein neues Leben zu beginnen.

Es fühlte sich nicht wie eine Erklärung an. Es fühlte sich wie eine Erkenntnis an. Etwas, das bereits wahr war und darauf wartete, auf einem stillen Weg mit Möwen in der Ferne laut gesagt zu werden.


Ich fragte mich auch: Welcher Wolf trägt den Schmerz der Vergangenheit — der weiße oder der schwarze?

Das alte Gleichnis fragt, welchen Wolf man füttert. Ich fragte etwas anderes — nach der Natur, nicht nach der Wahl. Welcher trägt es? Der schwarze Wolf, weil er nicht loslassen will, oder der weiße Wolf, weil er es bewusst als Last gewählt hat?

Der Weg hat nicht geantwortet. Ich habe keine Antwort erzwungen. Die Frage bleibt offen — dort, wo sie hingehört.


Am Abend unser gemeinschaftlicher Dyad-Workshop. Zwei Menschen sitzen sich gegenüber. Alle fünf Minuten wechselt die Frage die Seite. Die Frage ist immer dieselbe:

Sag mir, wer du bist.

Nach der dritten oder vierten Runde sind die leichten Antworten weg. Was bleibt, ist keine Leere — es ist der Boden unter allen Antworten.

Ich erkannte zwei Dinge, die zusammen ankamen: Ich bin vieles. Und ich bin niemand.

Das sind keine Widersprüche. Die Vielheit und das Niemand-Sein sind dasselbe. Wenn man nicht mehr antworten kann, wer man ist, bleibt nicht Abwesenheit. Es ist das, was immer schon da war, bevor die Antworten begannen.


Der Reiher im Morgengrauen. Die Stille des Weges. Die Frage des Wolfes. Der sich sammelnde Neumond. Der Dyad am Abend und das Niemand, das blieb.

Tag 18 hielt mehr, als er ankündigte.


© 2025–2026 Michel Garand | A Pilgrim's Fitness Plan
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Baltic Coast, Germany
Licensed under Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)