Schon hier
Tag 58 — Phase 9 — Weg: Nisdorf
Aufwachgefühl: 6.
04:23 Uhr. Die Vögel sangen schon — bevor das Licht vollständig da war. Übungen, dann raus.
Der Weg schlängelt sich zwischen zwei Welten: links der Bodden und die Schilffelder, rechts der Raps und die aufgehende Sonne. Nebel stieg vom Land auf. Die Landschaft ausgeglichen, in sich ruhend. Ich bin hineingegangen.
Tag 2 des Hörens. Gestern das Leitbild: der Wasserfall-Klang — Wind durch das Schilf, anhaltend, quellenlos. Heute: Tiefe. Vier Schichten von Klang, jede weiter entfernt als die letzte: Vögel nah am Weg; vier Enten, die vom Weg aufflogen, ein Flügelrauschen, hinaus zum Bodden; der Motor des Fischers, irgendwo auf dem Wasser; und am Wendepunkt der Kuckuck — rufend aus einer Entfernung, die keinen sichtbaren Rand hatte.
Früchtetag. Mond im Löwen. Ich bin ein Löwe — der Mond in meinem eigenen Zeichen, das Reflektierende bewegt sich durch das Wesentliche. Im biodynamischen Rahmen ist dies der Moment, in dem das, was unter der Oberfläche gereift ist, bereit wird, gesehen zu werden. Nicht erzwungen. Geerntet.
Der gewundene Weg jeden Morgen: Wasser zur Linken, Feuer zur Rechten. Die ehrlichen Wege verlaufen zwischen dem, was als Welten möglich ist. Ein Balanceakt, keine Wahl zwischen Welten. Die Frage ist dieselbe — welchen gehe ich, und wie trage ich die anderen.
Schon hier: Achim. Ina. Die Gemeinschaft. Gut Nisdorf. Der Bodden. Bis Oktober.
Ehrlicher Weg Drei. Was ich bemerke, wenn ich ihn gegen das halte, was ich zu brauchen weiß.
Physiologisch. Der Körper kennt diesen Boden. Siebenundfünfzig Morgen auf derselben Strecke. Der Bodden, der Garten, das Gehen. Dieses Bedürfnis wird nicht durch außergewöhnliche Bedingungen erfüllt — es wird durch Bedingungen erfüllt, die normal geworden sind. Das ist etwas anderes, und schwerer zurückzulassen.
Sicherheit und Stabilität. Das Angebot gilt bis Oktober. Der Boden schwankt nicht. Finanzielle Stabilität ändert sich nicht durch den Ort — diese Frage begleitet mich überall. Aber die physischen Bedingungen der Sicherheit sind bei den drei Wegen die verlässlichsten, und ich habe in siebenundfünfzig Tagen kein einziges Mal darüber nachgedacht.
Liebe und Bindung. Achim und Ina. Die Gemeinschaft, die siebenundfünfzig Tage der Ansammlung bestätigt hat, ohne dass jemand sie darum gebeten hätte. Eine andere Liebe als die der Kinder — nicht familiär, aber wirklich. Die Anerkennung vom 20. Mai war keine Aufführung. Die Würdebedingung hier: Ich bin kein Gast. Ich wurde nicht so behandelt. Und: Julika ist elf. Sie wird zwölf. Die Liebe, die dieser Weg mich bittet, für die Saison beiseite zu stellen, ist keine Kleinigkeit. Ich nenne sie hier, ohne sie aufzulösen.
Wahrheit. Die Wahrheit dieses Ortes: er hat sich angeboten, bevor ich ihn wirklich verdient hatte. Die Gemeinschaft hat Ja gesagt, bevor ich gefragt habe. Die ehrliche Spannung ist auch eine Wahrheit — bis Oktober zu bleiben ist eine echte Entscheidung mit einem echten Preis. Der Preis hat einen Namen. Ich werde ihn nicht als Grund zum Bleiben oder zum Gehen benutzen.
Selbstwert und Wirksamkeit. Die Anerkennung von Achim und Ina am 20. Mai ist die deutlichste externe Bestätigung von Wirksamkeit bei allen drei Wegen. Die Arbeit hier wird gesehen und eingeladen weiterzumachen. Das zählt. Es ist nicht das Einzige, was zählt.
Ausrichtung. Die Pilgerschaft war genau für diesen Boden entworfen — langsam, aufmerksam, saisonal, konkret. Zu bleiben ehrt, was die zwölf Wochen aufgebaut haben. Ausrichtung stellt auch die härtere Frage: Ist das Hierbleiben der nächste Ausdruck dessen, wer ich werde — oder die Fortsetzung dessen, was ich schon war? Ich weiß die Antwort noch nicht.
Verbindung. Fünftausend Jahre betreuter Boden. Der Wasserfall-Klang vom Bodden. Der Weißdorn an der Schwelle — der Herzbaum, die Grenzpflanze, blüht jetzt. Das Morgenfeld braucht keine Erklärung. Dieses Bedürfnis wird hier am stillsten und am beständigsten erfüllt. Ob diese Beständigkeit das ist, was als Nächstes kommt — das ist eine andere Frage.
Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Jetzt drei. Was ich nenne, ist, was ich brauche — egal, wo ich lande. Nicht nur meine. Die Bedürfnisse derer, die ich liebe, gehören auch dazu.
Der Boden trägt hier. Das weiß ich seit siebenundfünfzig Tagen.
Tag 58 — Phase 9 — Schon hier — Perikard — Amethyst — Psalm 46 + Johannesevangelium
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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