Kümmert sich die Natur?
Tag 36 — Beltane — Gut Nisdorf
Sechs. Müde. Der Zug, horizontal zu bleiben.
Die Sonne war stärker.
Der Spaziergang beginnt jeden Morgen am gleichen Ort — aus der Tür,
den gewundenen Weg entlang zwischen dem Bodden und den Schilfflächen
rechts und den Rapsfeldern links, wo die Sonne aufgeht. Heute war
der Himmel klar. Kaum Wind.
Aber etwas war anders.
Die Luft. Sie kam an, bevor alles andere ankam — bevor die Augen
sich angepasst hatten, bevor die Füße ihren Rhythmus gefunden
hatten. Warm. Weich. Nicht die kalte Salzkante der vergangenen
Wochen. Etwas fast Erotisches. Die Ostsee atmete anders — wärmere
Luft strömte über das Wasser herein — und darunter, hindurchgewoben,
der Geruch des voll erblühten Rapses.
Der Körper nimmt es auf, bevor der Verstand einen Namen dafür hat.
Der Bodden war still.
Nicht die bewegte, rastlose Oberfläche der vergangenen Wochen.
Kaum eine Regung. Keine Vögel, die in den Flachwasserbereichen
arbeiteten. Die Schilfbänke standen ohne Biegen. Was sonst
dieses Wasser in den frühen Morgenstunden belebt — fehlte.
Als hätte die Lagune beschlossen zu ruhen.
Wurzeltag. Der biodynamische Kalender markiert die Kräfte, die
nach unten durch die Erde ziehen — in die Wurzelsysteme, in das
Dunkel unterhalb des Sichtbaren. Der Körper spürte es, bevor
ich den Kalender las. Dieser Zug, im Bett zu bleiben, war keine
Schwäche. Es war der Morgen, der tat, was Wurzelmorgen tun.
Heute ist der 1. Mai. Tag der Arbeit. Feiertag. Keine Arbeit.
Ich dachte auf dem Rückweg darüber nach. Ob das Zusammentreffen
Zufall war. Ob die Stille, die Wärme, die Weichheit der Luft
an diesem besonderen Morgen irgendetwas mit dem Datum im
Kalender zu tun hatte.
Wahrscheinlich nicht.
Aber wahrscheinlich ist nicht dasselbe wie sicher.
Der keltische Kalender nennt dies Beltane — Höhepunkt des
Frühlings, Feuerfest, der Schleier am dünnsten auf dem
aufsteigenden Bogen. Die Feuer brannten auf den Hügeln
in Irland und Schottland, solange jemand Aufzeichnungen führte.
Das Vieh wurde zwischen zwei Flammen hindurchgetrieben, um es
für den Sommer zu segnen.
Aber diese Küste hat ihre eigenen Feuer. Walpurgisnacht —
letzte Nacht, vom 30. April auf den 1. Mai — Lagerfeuer
in ganz Deutschland entzündet, wie seit länger als der Name
reicht. Die slawischen Völker, die diese Küste vor der
Besiedlung hielten — die Obodriten, die Liutizen — kannten
die Maischwelle. Feuer am Ostseerand. Der Bodden, der den
Widerschein hielt.
Dieser Morgen ist das, was nach dem Feuer kommt. Die Asche
und die Stille. Der Geruch von etwas, das gebrannt hat
und sich geklärt hat.
Der Vollmond geht um 19 Uhr auf.
Der Geruch zog mich den ganzen Spaziergang über zurück.
Nicht versucht, ihn genau zu benennen. Den Körper einfach
registrieren lassen. Warme Luft von der Ostsee und den
gelben Feldern. Etwas Altes darin. Etwas, das die Nase
weiß, bevor der Verstand ankommt.
Der Prediger sagte: Es gibt eine Zeit für alles unter der Sonne.
Eine Zeit zu arbeiten. Eine Zeit zu ruhen. Eine Zeit, in der
etwas hindurchzieht, das sich nicht benennen lässt.
Vielleicht liegt der Feiertag am falschen Tag.
Vielleicht wusste die Natur es bereits.
Vollmond um 19 Uhr. Der Plan ist, draußen zu sein, wenn der
Boden es erlaubt.
Der Morgen gehörte der Wurzel. Um 17 Uhr zieht der Mond in
die Waage — Wurzel wird Blüte. Der Abend gehört dem Feuer.
Tag 36 — Phase 6 — Geschmack — Dünndarm — Diamant — Ecclesiastes
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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