Eine Elster
Tag 41 in Gut Nisdorf
Aufwachgefühl: 6.
Aufgewacht um 4:50. Nach Osten geschaut. Der Himmel war kirschrot — tief, gesättigt, fast essbar. Ein köstliches Kirschrot, dachte ich, und das Wort überraschte mich.
Früchtetag — Feuerelement, Wärme. Der Körper greift nach außen. Mond im Schützen — weitreichend, philosophisch, zum Horizont ziehend.
Übungen gemacht. Raus in den Morgen.
Ein paar Minuten später, kurz vor dem kurvenreichen Weg — Bodden und Schilffelder links, Rapsgelb rechts, die Sonne gerade über den Horizont steigend — flog eine Elster ein paar Meter vor mir quer über den Weg. Landete in einem Baum. Rief.
Nicht ganz Gesang. Nicht ganz Alarm. Etwas zwischen Ankündigung und Anfrage — hell, schnarrend, in die Morgenluft hinein gesprochen, auf mich gerichtet oder vielleicht gar nicht auf mich, sondern in dieselbe Luft, durch die ich mich bewegte.
Eine Elster. Nach der alten nordeuropäischen Zählung: eine für den Kummer. Der Brauch ist, sie schnell zu grüßen, das Omen abzuwenden. Ich bedankte mich stattdessen.
Was die Kulturen des Ortssinns aus einer Elster im Baum machen — das ist eine andere Frage als die des Abzählreims. In Teilen Mitteleuropas bedeutete eine Elster, die vor dem Haus im Baum sitzt und ruft, nur eines: jemand kommt.
Ich war ein paar Schritte vom kurvenreichen Weg entfernt. Ich ging weiter.
Die Elster blieb — plapperte weiter, als ich vorüberging, nicht erschrocken, nicht gestört von meiner Anwesenheit. Noch im Baum, als ich mich weiter entfernte.
Keine Gefahr erkannt.
Tag 41 — Phase 6 — Geschmack — Dünndarm — Diamant — Ecclesiastes
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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