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Der Hase

Der erste seit einundachtzig Tagen, dann fort — und der Westwind den ganzen Weg.

Wachgefühl: 6.

Zuerst wach, drei Minuten nach drei. Kein Gedanke weckte mich — nur der Wind. Wieder hingelegt. Um Viertel vor vier wach, dasselbe. Ich stand auf. Erst das Schwimmen, dann machte ich mich fertig für den Tag.

Hinaus auf die gewundene Straße. Der Bodden und das Schilf auf der einen Seite; der Raps und die aufgehende Sonne irgendwo hinter den Wolken auf der anderen.

Zu Beginn des Gangs ein Hase — ein großer — ein Stück voraus. Der erste seit einundachtzig Tagen. Beide überrascht. Er rannte um die Biegung davon. Ich ging weiter. Hinter der Biegung der Hase wieder — und wieder rannte er. Danach sahen wir einander nicht mehr.

Es war ein Hase, kein Kaninchen — das Kaninchen kam spät an diese Küste, mit den Römern und dem Mittelalter; der Hase ist das alte Tier hier. Ein Geschöpf der Ränder des Tages, Morgen- und Abenddämmerung — der Naht zwischen Feld und Wildnis, begegnet und nicht gehalten. Die Slawen, die diese Küste hielten, ließen ihre Götter in Arkona, und keinen Hasen unter ihnen. Doch in der weiteren Überlieferung ist der Hase ein Gestaltwandler — ein Freier, ein Vogel, des Teufels Verwandter, und dann einfach fort — und einem Kind sagt er, im alten Reim: Such mich nicht, ich bin nicht dein, ich bin fortgegangen. Die alte Überlieferung, nicht diese Küste. Das Tier, dem ich zu Beginn des Gangs begegnete, ist seit sehr langer Zeit ein Geschöpf der Schwellen und des Verschwindens.

Ein starker Westwind heute Morgen, stärker als gestern. Ich stellte mich ihm direkt entgegen. Schaumkronen über dem Bodden. Der Wind ließ mich nicht stehen bleiben. Mal trieb er mich vorwärts. Mal versuchte er, mich in eine andere Richtung zu drängen. Ich ging weiter, ohne einen bestimmten Gedanken — der Geist schien sich nicht zu kümmern, er wanderte nur.

Vor dem höchsten Punkt des Weges eine Möwe, allein, die gegen den Westwind die Uferlinie des Boddens entlangflog. Kurz darauf — aus dem Schilf — stieg ein Entenpaar auf und schien ihr zu folgen.

Ohne bestimmten Gedanken, der Geist nur am Wandern, ging ich zurück nach Gut Nisdorf.

Der Kalender vermerkt einen Neumond gegen fünf Uhr heute Morgen — das Dunkel des Zyklus, der Mond noch im Stier, in der Erde. Ein Wurzeltag: die neue Wende in den Boden gelegt. Ab kurz nach sieben beginnt der absteigende Mond — die Pflanzzeit, wenn die Arbeit nach unten geht und die Kräfte in den Boden gezogen werden. Dann, um zwei Uhr am Nachmittag, tritt der Mond in die Zwillinge, in die Luft, und der Tag wendet sich zur Blüte. Ein Zyklus, der vor Tagesanbruch beginnt, im Dunkeln und im Boden, und sich am Nachmittag zur Blüte hebt.

Zweimal rannte der Hase. Dann nie wieder.


"Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Die Zahl war nie die Frage. Jetzt höre ich, die Richtung ist gelesen. Ich bin hier, um zu dienen, mit. Die Bedürfnisse der Menschen, die mir all die Jahre nahe waren, gehören auch dazu."


Tag 81 — Phase 12 — Ich / Anderer — Leber — Jaspis — 1. Korinther 13
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Baltic Coast
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