Zuhause
Tag 75. Der erste ganze Morgen zurück auf Gut Nisdorf.
Wachgefühl: 6.
2:42. Der Kopf wachte zuerst auf. Zuhause, fragte er. Wo ist es? Was ist geschehen?
Ich ließ es laufen — der Kopf überlegte, das Zuhause drehte sich und drehte sich, der Körper wollte schlafen. Ich versuchte, die beiden ins Gleichgewicht zu bringen, und nickte ein. Regen. Vögel.
3:42. Wach. Hinunter zum Schwimmteich, ins Wasser, geschwommen. Übungen. Bereit für den Tag. Dann hinaus auf den gewundenen Weg — der Bodden und das grüne Schilf zur Linken; zur Rechten der Raps und die Stelle, wo die Sonne aufgeht. Keine Sonne an diesem Morgen. Regenwolken am Horizont.
An der Schwelle des gewundenen Weges, ein Reh. Wir sahen einander im selben Augenblick und erstarrten beide. Eine Sekunde, vielleicht zwei — keiner von uns rührte sich, jeder hielt den anderen im Blick. Dann wandte es sich, sprang ins Rapsfeld und war fort.
Der Raps hat seinen Duft inzwischen an andere abgegeben. Das Gelb ist fort — das Feld ist grün geworden. Ein Blatt-Tag, und in der Nacht ist der Mond in die Fische gezogen: Blatt ist Wasser, Fische sind Wasser. Das Zeigen der Blüte ist vorbei. Was bleibt, ist die Arbeit des Blattes — zu wachsen, im Verborgenen, hin zu dem, was niedergelegt wurde.
Meine Gedanken kreisten noch um die Frage nach dem Zuhause. Wo ist mein Zuhause jetzt, fragte ich.
In meinen ersten Jahren in Deutschland fragten mich die Leute immer, wann ich denn wieder in meine Heimat zurückkehren würde. Ich gab immer dieselbe Antwort: Wo mein Herz ist, wo ich mein Haupt zur Ruhe bette — das ist meine Heimat.
Nach fünfundsiebzig Tagen Pilgerreise und vierzehn Nächten auf dem Boden sagte ich mir: Das stimmt nicht. Zuhause ist mehr. Heimat ist mehr. Die Menschen, die bei dir sind, unter einem Dach. Der Küchentisch. Die guten Tage und die schlechten Tage.
In der Ferne bellte ein Rehbock. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann Stille. Die Vögel sangen weiter. Draußen auf dem Bodden ein einsames Schwanenpaar.
Auf halbem Weg ein Kuckuck, weit entfernt.
Am Wendepunkt blieb ich stehen. Ich lauschte — der Stille, dann den Vögeln darin. Dann kehrte ich um, zurück nach Gut Nisdorf.
Dann wieder der Kuckuck — jetzt hinter mir. Er ließ sich auf einem Baum nieder. Er rief. Kuckuck. Kuckuck.
"Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Die Zahl war nie die Frage. Jetzt höre ich, die Richtung ist gelesen. Ich bin hier, um zu dienen, mit. Die Bedürfnisse der Menschen, die mir all die Jahre nahe waren, gehören auch dazu."
Tag 75 — Phase 11 — Gedanke — Gallenblase — Onyx — Ubuntu
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Baltic Coast
© 2025–2026 Michel Garand | A Pilgrim's Fitness Plan | CC BY-SA 4.0
stewardship@ubec.network