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Blick nach Osten

Die mir all die Jahre nahe waren, und das Land im Osten, jenseits der Oder

Tag 66 — 31. Mai 2026 — Vormittag, 9:14. Frankfurt (Oder). Eine Bank in einem kleinen Park, im Schatten eines Baumes.

Die Stadt, in der mein Leben in diesem Land begann. Fast einunddreißig Jahre nun, und die ersten davon waren hier. Heute Morgen bin ich zu ihr zurückgekehrt.

Gestern saß ich im Zentrum dieser Stadt mit meinem Sohn und meiner "Tochter" — die ich kenne, seit sie vier war — Eis in unseren Händen, kleines Gerede in unseren Mündern. Die gewöhnliche Art, die einzige, die etwas aufbaut. Danach trennten wir uns von meinem Sohn, und ich fuhr sie nach Hause und zeigte ihr das Basislager — den Garten, den Ort, an dem ich eine Weile leben könnte. Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung, keine Tränen diesmal. Sie schien schon zu wissen, wo sie mich finden kann. Keine geschriebene Adresse. Die andere Art: hier, hier bin ich.

Heute, etwas Zeit allein, vor dem Rest des Tages.

Diese Stadt hält meine Entscheidungen. Die guten und die, die etwas gekostet haben. Man bekommt nicht nur die sanfte Hälfte eines Lebens.

Bevor ich mich zum Schreiben hinsetzte, ging ich die wenigen Meter zur Oder. Der Fluss geht seinen eigenen Weg, nach Norden zur Ostsee. Ich folgte nicht dem Wasser. Ich blickte hinüber — über das nahe Gras, über die Strömung, zur Landschaft auf der anderen Seite. Nach Osten. Osten ist die Richtung des Weges nach vorn. Als ich zum ersten Mal in dieses Land kam, landete ich im Westen, an der anderen Grenze. Vor einunddreißig Jahren ging ich nach Osten. Jetzt stehe ich an seinem östlichen Rand und blicke noch weiter nach Osten. Ich stand und hörte zu — die Vögel, die Frösche im Schilf, der Wind im Gras. Der Holunder blüht am Weg. Ich tauchte mein Gesicht hinein. Dieser Duft ist Medizin; der Baum trug sie lange, bevor ich kam, sie zu nehmen. Hier nannten die Alten ihn ihre Hausapotheke — Blüte gegen das Fieber, Beere für den langen Winter — und sie hüteten einen Geist in ihm, die Holundermutter, die man fragte, bevor man schnitt. Er gibt noch immer dieselbe Medizin; er wächst nur jetzt wild am Wegrand, von niemandem gepflanzt, gegeben jedem, der stehen bleibt, um ihn zu nehmen.

In wenigen Stunden gehe ich zum Bahnhof, um meine Tochter abzuholen. Der Weg nach vorn besteht aus den Menschen, die mir all die Jahre nahe waren — ihre Bedürfnisse darin, nicht daneben. Das ist keine Linie, die man allein auf einer Karte zieht. Man hört sie, und dann trägt man sie zu ihnen.

Also höre ich zu. Auf die Vergangenheit, die abgeschlossen ist und noch spricht. Auf gestern — Eis, kleines Gerede, eine Umarmung am Gartentor. Auf das Land jenseits des Flusses, im Osten. Die Entscheidung wird nicht hier getroffen. Hier reift sie nur.

Ich höre zu.


"Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Jetzt drei. Was ich benenne, ist, was ich brauche, wo auch immer ich lande. Nicht nur meines. Die Bedürfnisse der Menschen, die mir all die Jahre nahe waren, gehören auch dazu."


Tag 66 — Phase 9 — Hören — Perikard — Amethyst — Psalm 46 / Johannesevangelium
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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