Jemand klopft
Drei Klänge in einer Drehung der Nacht
Tag 66 — 31. Mai 2026 — Sonntag. Sechster Morgen auf dem Boden, Basislager, Müllrose.
Aufwachgefühl: 6.
Blatt. Mond im Skorpion — Wasser. Der zweite Vollmond des Monats.
03:50. Was mich weckte, waren nicht die Vögel. Es war Musik: Techno, von einem Festival ein paar Kilometer entfernt durch den Wald herübergetragen. Stetig. Ohne Unterlass. Aus dieser Entfernung verliert der Beat seine Form und wird nur noch eines — jemand, der an eine Tür klopft. Klopfen, das nicht aufhört. Ich versuchte, es zu überhören, so wie man ein Klopfen überhört, wenn man längst beschlossen hat, nicht zu öffnen.
Dann die Vögel. Die Frühen, die Ersten, die es wagten, kamen am Rand des Lärms herein — nicht darüber, nicht darunter. Daneben, und gleichgültig. Sie klopften nicht. Sie sagten nur den Morgen.
Die Sonne kam über den Feldern herauf. Nebel stieg zwischen dem Garten und den Bäumen vom Boden auf, so wie er aufsteigt, wenn die Nacht kühler war als die Erde. Ich ging zu ihr hinaus. Machte die Übungen. Bereitete mich auf den Tag vor.
Am Abend zuvor, gerade als meine Augen zufielen, kamen die Krähen. Eine kleine Versammlung diesmal, direkt vor mir. Kurz. Knapp. Auf den Punkt — was auch immer der Punkt war. Ich hörte zu. Ich versuchte herauszuhören, was sie sagten. Dann waren sie fort, so schnell, wie sie gekommen waren, und ich war weg.
Drei Klänge, in einer Drehung der Nacht. Das Klopfen, das nicht aufhört und nie an dich gerichtet war. Die Versammlung, die sagt, was sie zu sagen hat, und geht, bevor du es erfasst hast — die Bedeutung steht dir nicht zu. Und der schlichte Morgen am Rand von beidem, der nichts verlangt.
An einem Tag, der dem Hören gehört — unter dem zweiten Vollmond des Monats —, besteht die Arbeit nicht darin, auf alles zu antworten, was klopft. Sie besteht darin, lange genug still zu sein, um zu unterscheiden, welcher Klang deiner ist und welcher nur Wetter. Dann aufzustehen.
Also: heute Morgen die Stadt. Ein warmer Raum. Kaffee. Strom. Der Tag, schon erleuchtet.
"Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Jetzt drei. Was ich benenne, ist, was ich brauche, wo auch immer ich lande. Nicht nur meines. Die Bedürfnisse der Menschen, die mir all die Jahre nahe waren, gehören auch dazu."
Tag 66 — Phase 9 — Hören — Perikard — Amethyst — Psalm 46 / Johannesevangelium
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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