Seid stille
Tag 57 — Phase 9 — Perikard — Amethyst — Psalm 46 + Johannesevangelium
Morgengefühl: 6.
03:33. Zuerst Frösche, dann Vögel. Dann legte sich die Stille wieder über beides.
Raus um 04:14. Der gewundene Weg zwischen Bodden und Raps — links die Schilfflächen, rechts die Felder, die ostwärts dem aufgehenden Licht entgegenlaufen. West-Südwest-Wind heute Morgen. Und vom Bodden her: das Geräusch eines Wasserfalls. Kein Wasserfall. Aber genau das war es. Der Wind in diesem Winkel, durch das Schilf, erzeugt genau dieses Geräusch — fallendes Wasser, anhaltend, ohne Quelle. Siebenundfünfzig Morgen gehe ich diesen Weg. Ich lerne noch immer, was er sagt.
Vor ein paar Tagen lag etwas Schweres in der Luft. Ich spürte es im Körper — diese Bienenschwarm-Unruhe, alles in der Schwebe vor einer Entscheidung, die längst gefallen war. Heute Morgen: eingependelt. Derselbe Weg. Eine andere Qualität in dem, der ihn geht.
Die Löwenzähne haben sich verwandelt. Letzte Woche noch gelb. Jetzt Pusteblumen — ihre Samen im Südwestwind, überallhin verstreut. Aus der Ferne sieht es aus, als wäre Schnee auf die Wegränder gefallen.
Die Zeit der weißen Blüten ist da. Weißdorn in voller Blüte an den Hecken — dichte weiße Dolden, Dornen hinter der Blüte, noch geschlossene Knospen zwischen den offenen. Die Völker dieser Boddenküste haben ihn an jede Schwelle gepflanzt, solange sie hier sind: Hofgrenze, Feldrand, die Linie zwischen den Lebenden und den Toten. Die Grenzpflanze. Der Herzbaum — seine Beeren tragen die alte Medizin für den Herzrhythmus, was die Traditionen wussten, lange bevor das Arzneibuch es benannte. Und er blüht nicht, bevor die Jahreszeit sich wirklich gesetzt hat. Nicht der Kalender. Der Weißdorn. Wenn er blüht, kann man der Wärme trauen.
Etwas Breitblättriges mit flachen weißen Blütenköpfen, stiller. Walnuss und Esche noch mit den letzten Blättern, die sich durchschieben. Alles kommt auf einmal an.
An meinem Umkehrpunkt auf dem Weg: ein Reh am Rand des Rapsfeldes. Es fraß. Schaute auf. Ich blieb stehen. Auge in Auge. Es lief nicht weg. Wir hielten das einen Moment — keiner von uns bewegte sich. Dann wandte es sich um und ging in den Raps hinein. Nicht weg. Hinein. Es war nicht erschrocken. Es hatte die Begegnung schlicht beendet.
Die Niere hat benannt, was benannt werden musste. Zuerst den Willen — am Morgen des sechsundfünfzigsten Tages. Die Angst am Nachmittag — den Sündenbock, die Grammatik des FÜR, die Wunde, die nicht an dem Ort heilen kann, wo sie entstanden ist. Beide Oberflächen derselben Phase. Nach dem Benennen verändert sich etwas — keine Auflösung. Eine andere Qualität des Hörens wird verfügbar.
Rapha. Hebräisch — sinken, loslassen, fallen lassen. Meist übersetzt mit: seid stille. Die Hand, die zu fest gegriffen hat, öffnet sich nicht durch Kraft. Sie öffnet sich, weil das Gehaltene eine andere Form angenommen hat und Greifen ihr nicht mehr dient.
Das Perikard empfängt nicht alles. Es hält die Bedingungen, unter denen das Herz sich wirklich öffnen kann — unterscheidend, nicht unterschiedslos. Nach dem Benennen von Ukraine, des Sündenbocks, des FÜR/MIT-Musters, das durch drei Jahrzehnte läuft — etwas hat sich eingependelt. Das Wort ist nicht: gelöst. Das Wort ist: eingependelt. Das Wasserfall-Geräusch vom Bodden. Das Reh, das nicht lief.
Der Psalmist schrieb es klar: Seid stille, und erkennet. Nicht: seid stille, und dann erkennet. Das Erkennen liegt nicht stromabwärts von der Stille. Es ist in ihr gegenwärtig.
Der Ast versucht nicht, Frucht zu tragen. Er trägt Frucht, weil er verbunden ist. Du wählst den Frieden nicht als Thema. Du kommst bei ihm an — meistens weil etwas zerbrochen ist, und du lernen musstest, was trägt. Der Logos war schon da, bevor das Hören begann. Heute Morgen klang der Bodden wie fallendes Wasser, und ich hörte es, als wäre es das erste Mal.
Blatt-Tag, der am Mittag in Frucht übergeht. Der Mond wechselt von Krebs in Löwe. Was zirkuliert hat, beginnt, Form zu halten.
Sieben Orte lagen auf dem Tisch. Jetzt drei. Was ich nenne, ist, was ich brauche — von wo auch immer ich lande.
Ab dem 25. Mai werde ich bis zum 31. Mai in Müllrose sein. Um MIT den Kindern, die ich liebe, am Feuer zu sitzen. Um gegenwärtig zu sein. Um zu hören.
Tag 57 — Phase 9 — Seid stille — Perikard — Amethyst — Psalm 46 + Johannesevangelium
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Baltic Coast
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