Der Körper weiß
Tag 52 — A Pilgrim's Fitness Plan
Aufwachgefühl: 7.
Gestern Nacht Feuer. Musik. Das Frühlingsfest dauerte lang. Müde heute Morgen — auf die gute Art.
Wurzeltag.
Sonne und Mond beide im Stier — festes Erdzeichen, beide Lichter im selben Zeichen, halten, was noch nicht bereit ist, an die Oberfläche zu kommen. In fünf Tagen kommt der Neumond in den Zwillingen — und was sich im Dunkeln verdichtet hat, wird zu etwas, das benannt werden kann.
Blauer Himmel. Wind aus dem Süden. Der gewundene Weg zwischen dem Bodden und den Schilfflächen — das Schilf wird von Woche zu Woche grüner, rechts der gelbe Raps und die aufgehende Sonne dahinter.
Die Elster war an der Schwelle. Diesmal auf einem anderen Dach.
Der Wind war still. Der Bodden nicht. Er klang heute Morgen wie Wasserfälle — das Wasser hörbar, wie ein Wasserfall, unter allem.
Der Bodden ist flach. Ein Südwind bewegt nicht nur die Oberfläche — er reicht bis auf den Grund. Die gesamte Wassersäule gerät in Bewegung. Das war das Wasserfall-Geräusch.
Die Menschen, die vor dem 12. Jahrhundert an dieser Küste lebten, betrachteten Wasser als Schwelle. Das Geräusch des sich bewegenden Wassers war nicht beiläufig — es war das, was darunter lag und wirkte.
Der Südwind: Wärme, Fruchtbarkeit, die Richtung des Lebens. Auch, in einigen dieser Traditionen, der einäugige Wind. Man kann ihn spüren. Man kann nicht ganz durch ihn hindurchsehen.
Mein Verstand war woanders, aufgewühlt, ohne zu wissen warum. Die letzten Tage im Kopf — zwei Videoanrufe, ostwärts — in ein gebrochenes Land, wo ich gebraucht werde, ein Interessenbrief gen Süden geschickt, übers Wasser, noch unbeantwortet, ein Gespräch vor fünf Tagen, das noch landet. Etwas zieht noch.
Ein paar Minuten später war ich mit der Kamera beschäftigt. Nicht ganz aufmerksam.
Der Rehbock hatte mich beobachtet. Ich schaute auf und er sprang — aus dem Gebüsch heraus, lief lautlos in die Schilfflächen Richtung Ufer des Boddens. Dann begann das Bellen. Kurze, scharfe Rufe aus irgendwo im Schilf.
Ich stand still. Ein Entenpaar flog links an mir vorbei.
Ich bemerkte mein Tempo auf dem Rückweg. Meine Füße waren entschlossen — nicht des Gehens wegen, sondern als würden sie das Ziel schon kennen. Der Verstand sortierte noch. Die Füße nicht.
Kein Tag für Entscheidungen. Das hatte ich mir auf dem Hinweg gesagt. Ich sagte es noch einmal, als ich zurückkam.
Wenn man es zweimal sagen muss, arbeitet das, worüber man noch nicht entschieden hat, immer noch.
Zurück in Gut Nisdorf war der Ort derselbe wie ich ihn verlassen hatte. Das ist nicht nichts. Zweiundfünfzig Morgen ist der Ort derselbe geblieben — der Garten, das Licht auf dem Hauptgebäude, die Ostseeluft. Der Verstand kommt zurück mit allem, was er aufgesammelt hat. Der Ort hat sich nicht bewegt.
Zweiundfünfzig Morgen. Der Verstand kommt und geht. Die Füße sind seit Wochen dieselben.
Der Achat leuchtet nicht wie der Diamant. Er glüht. Der Unterschied liegt in der Quelle des Lichts: nicht Reflexion, sondern das, was der Stein durch lange Anhäufung selbst geworden ist.
Tag 52 — Phase 8 — Wärme — Niere — Achat — Durga
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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