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Die Krähe hatte nichts zu sagen

Tag 43 — Gut Nisdorf

Die Krähe hatte nichts zu sagen

Aufwachgefühl: 6.

4:04 Uhr. Zu viel im Kopf. Gewartet — kein Schlaf mehr. Aufgestanden. Übungen. Dann raus.

Der gewundene Weg zwischen dem Bodden und den Schilffeldern, rechts die Rapsfelder und die aufgehende Sonne. Frost letzte Nacht. Bodenfrost. Das Gras steif und kalt unter den Füßen, die Luft klar und scharf.

Der Bodden war ein Spiegel. Schwäne darüber verteilt — nicht zusammen, nicht beunruhigt, ohne offensichtlichen Grund über die stille Silberfläche verteilt. Nebel stieg nahe den Ufern auf, aber nur an bestimmten Stellen. Nicht überall. Das Wasser weiß, was das Wasser weiß.

Eine einsame Krähe flog über die Schilffelder nach Süden. Kein Krähen. Sie hatte heute Morgen nichts zu sagen. Sie flog einfach.

Kurz vor meinem Wendepunkt: der Kuckuck.

Auf dem Rückweg flog die Krähe wieder nach Norden — dieselbe Linie, dieselbe Stille, an mir vorbei. Als wollte sie sichergehen, dass ich noch da bin. Noch meinem Weg folge.

Wurzeltag ab 7 Uhr. Mond im Steinbock.


Sechs Orte liegen auf dem Tisch. Ich nenne sie noch nicht. Was ich nenne, ist, was ich brauche — von wo auch immer ich lande.

Was die 4 Uhr morgens verlangt, ist keine Auflösung. Der Geist um 4 Uhr ist über den Rand des Nützlichen hinaus und kreist. Auflösung ist nicht das, was gebraucht wird — Auflösung kommt, wenn das Gelände sie zeigt.

Was die 4 Uhr morgens verlangt, ist das Nächste. Übungen. Der Spaziergang. Der gewundene Weg im Frost. Nicht weil der Geist zur Ruhe gekommen ist, sondern weil der Körper eine Aufgabe hat, die unabhängig davon läuft, ob der Geist mitmacht.

Die Krähe, die schweigend nach Süden flog, hat das verstanden. Sie hatte nichts zu sagen. Sie flog. Auf dem Rückweg eine Passage nach Norden, um nachzusehen, ob ich noch da bin — und dann weiter auf ihrem eigenen Weg.

Was ich brauche, von wo auch immer ich lande: eine Praxis, die nicht auf Bereitschaft wartet. Die um 4 Uhr morgens im Frost genauso läuft wie um 7 Uhr in der Sonne. Nicht um den Geist zum Schweigen zu bringen. Um dem Körper seine Arbeit zu geben, während der Geist aufholt.


Lass den Tag untergehen, an dem ich geboren wurde. — Hiob 3:3

Einunddreißig Jahre in Deutschland. Ein Zelt, ein Netbook, eine Verbindung, und das hier. Hiob sagte das Schlimmste. Dann redete er noch neununddreißig Kapitel weiter.

Tag 43. Ich bin weitergegangen.


Tag 43 — Phase 7 — Wort — Blase — Onyx — Buch Hiob
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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