Der Vogel im Baum
Tag 28 — Donnerstag, 23. April 2026 — Gut Nisdorf
Aufwachgefühl: 5. Aufgestanden um 5:45.
Übungen gemacht. Dann raus.
Der Nordwestwind blies von Anfang an unaufhörlich. Keine Böen. Nur kalt und stetig, gegen den ganzen Weg drückend. Heute Morgen keine Krähen. Keine Schwäne. Kein Rotmilan. Nur Vögel, die aus den Schilffeldern heraus sangen, unsichtbar.
Blütentag bis 18 Uhr — dann Blatt.
Der Bodden war unruhig. Keine rollenden Wellen — viele kleine Wellen ohne bestimmte Richtung, die Oberfläche überall zugleich gebrochen von einem Wind, der sie nicht zur Ruhe kommen ließ.
Menschen haben dieses Wasser von diesem Ufer aus fünftausend Jahre lang gelesen. Sie wussten, was eine unruhige Oberfläche bedeutet.
Ich dachte an den Mann auf dem Grund des Sees.
Am Wendepunkt blieb ich stehen.
In dem Baum am Ufer — dem einzelnen Baum, an dem ich achtundzwanzig Morgen lang vorbeigegangen bin — saß ein großer dunkler Vogel. Ich konnte nicht erkennen, ob es ein Reiher oder ein Kormoran war. Langer Schnabel. Dunkel. Groß. Er drehte den Kopf und sah mich an. Flog nicht auf. Schaute nur, so wie etwas schaut, das länger dort ist als man selbst. Dann wandte er sich wieder dem Wasser zu.
Ich sagte auf Wiedersehen und ging zurück.
Die Aufstellung beginnt heute Abend. Der wilde Mann auf dem Grund der Lagune trägt eine Frage hinein.
Der Vogel saß schon im Baum.
Tag 28 — Phase 4 — Balance — Milz / Pankreas — Türkis — Sun Tzu
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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