Der Mann auf dem Grund des Sees
Tag 27 — Phase 4 — Balance — Gut Nisdorf
Wake-up-Gefühl: 6. Aufgestanden um 5 Uhr. Ein Artikel. Ein wilder Mann lebt auf dem Grund eines Sees, eingesperrt in einem Käfig.
Robert Bly verfolgte dieses Bild durch Mythologien und Kulturen. Jung untersuchte dieselbe Figur.
Blütetag. Mond in den Zwillingen. Der Tag bewegt sich aufwärts. Was unter der Oberfläche liegt, wird sichtbar, wenn das Licht stimmt.
Der gewundene Weg. Der Bodden zur Linken, Schilffelder im ersten Licht. Raps zur Rechten, dahinter die aufgehende Sonne.
Ich ging mit der Frage: Lag da ein Mann auf dem Grund der Lagune, eingesperrt in einem Käfig?
Am weitesten Punkt des Weges drehte ich um. Stand still. Hörte hin.
Sechs Schwäne erhoben sich vom Wasser und flogen südwärts. Beim letzten Mal waren es sieben.
Der Bodden ist keine Metapher. Eine Küstenlagune — brackig, gehalten zwischen der Ostsee und dem Ufer, weder ganz Meer noch ganz Land. In den baltischen und slawischen Traditionen gehört der Wassergeist zu einem bestimmten Gewässer. Nicht Wasser im Allgemeinen. Dieser Übergang. Diese Untiefe. Fischer an dieser Küste wussten, welches Wasser seines war, und brachten Opfergaben am Ufer dar.
Fünftausend Jahre lang standen Menschen hier und lasen dieses Wasser.
Der wilde Mann im Grimm-Märchen wird auf dem Grund eines Teiches am Rand eines dunklen Waldes gefunden. Die Jäger des Königs verschwinden nacheinander in diesem Wald, bevor jemand das Wasser ablässt und ihn findet.
Morgen gehe ich suchen.
In Blys Erzählung ist der wilde Mann kein Monster. Er ist eingekäfigte Kraft — erst zurückgeholt, wenn ein Junge etwas Kostbares in der Nähe der Gitterstäbe verliert. Der Schlüssel liegt unter dem Kissen der Mutter. Nicht in der Obhut des Königs.
Der Schlüssel liegt noch nicht in meinen Händen.
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern. 22. April 2026.
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