Tag 22 — Einfach noch ein Tag im Paradies
Phase 4 beginnt. Neumond im Widder. Die Krähe fliegt südwärts.
Tag 22. Freitag, 17. April 2026. Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern.
Phase 4 — Gleichgewicht — Milz / Pankreas — Türkis — Sun Tzu.
Blatttag. Neumond im Widder um 14 Uhr.
Tiefer Schlaf. So tief, dass ich um 4:20 Uhr aufwachte und nicht sofort wusste, wo ich war. Diese Erkenntnis kam mit einem Moment Verzögerung — die Decke, das Licht, die besondere Stille dieses Ortes. Dann war es da. Gut Nisdorf. Zurück in den Schlaf. Um 5:15 Uhr aufgestanden.
Übungen gemacht. Dann der Gang — Nord/Nordost, der vertraute Weg, der seit zweiundzwanzig Morgen meiner ist. Der Bodden zur Linken. Felder und die aufgehende Sonne zur Rechten.
Der Sonnenaufgang war heute feuerrot. Nebel hing über dem Weg und den Feldern davor — tief, still, geduldig. Die Vögel taten, was Vögel im April um diese Stunde tun. Tauben riefen hin und her. Der ganze Ort unscheinbar in seiner Schönheit — die einzige Art von Schönheit, die es wert ist.
Die Krähe war da. Einundzwanzig Tage lang auf einem Ast sitzend und rufend — diese Krähe war ein fester Punkt. Heute Morgen war sie nicht fest. Sie flog süd/südöstlich, zwischen mir und dem Bodden, tief über die Küstenlinie und die Schilffelder. In Bewegung. Und hin und wieder ein einzelner Ruf. Nicht das unablässige Rufen des Astes — etwas Leiseres. Als würde sie sagen: komm.
Ich ging weiter nord/nordöstlich.
Der Nebel lag vor mir, über dem Weg. Ich hatte ihn als Ziel bestimmt — in den Nebel hineingehen — und das tat ich. Ich ging, bis ich darin war. Dann drehte ich um und ging zurück zum Frühstück.
Nicht weil mich der Nebel aufgehalten hätte. Weil das Frühstück real war, und der Zug kam, und die Richtung bereits gewählt war.
Die Krähe flog über den Bodden. Der Bodden — die Lagune am Rand dieses Anwesens, das Grenzwasser zwischen dem Land und der offenen Ostsee — ist kein Zufall für diesen Morgen. Die Menschen, die vor uns an dieser Küste lebten, verstanden dieses Wasser als Schwelle. In der nordischen Bronzezeit gingen die Weihegaben bei Nacht ins Wasser, nicht am Mittag. Das Opfer ging in die Dunkelheit. Die Schwelle zwischen Land und Wasser, zwischen dem Sichtbaren und dem Versunkenen, war der Ort, wo das Gewöhnliche und das Heilige sich begegneten.
Die Ranen, deren Gebiet dies vor 1168 war, nannten sie Mokoš — die Große Feuchte Mutter, Spinnerin des Schicksals, Göttin der Erde und der Nässe, die Kraft, die den Faden hält zwischen dem, was ist, und dem, was sein wird. Die germanischen Stämme dieser selben Ostseeküste kannten sie als Nerthus: Tacitus nannte sie im ersten Jahrhundert, beschrieb ihr Bild, das in einem Wagen gefahren und in einem heiligen See an der Grenze zwischen Land und Wasser gebadet wurde. Anderer Name, dasselbe Wissen. Die weibliche Schöpferkraft lebt an der Schwelle — am Rand des Sichtbaren, im Moment davor.
Die Trichterbecherleute, die vor fünftausend Jahren ihre Grabkammern errichteten, richteten sie aus, um sowohl Sonne als auch Mond zu verfolgen. Das Solare und das Lunare in einer einzigen Rechnung gehalten. Nicht zwei getrennte Systeme — eines. Der Neumond war keine Lücke im Kalender. Er war der Moment der höchsten Konzentration: der Same geht in die Dunkelheit, bevor er etwas zeigt. Was beim Dunkelmond gepflanzt wird, geht tief.
Neumond im Widder heute um 14 Uhr. Die Shakti — die ursprüngliche weibliche Kraft, die die hinduistische Tradition benennt, und die die baltischen Völker in ihrer eigenen Sprache benannten, und die jedes nördliche Volk in seiner Sprache benannte, bevor die Namen weggenommen wurden — braucht keine Zeremonie. Sie braucht Gegenwart an der Schwelle. Ein Mann, der im Morgengrauen an der Ostseeküste in den Nebel hineingeht, am Tag des Neumondes, im zweiundzwanzigsten Tag einer bewussten Rückkehr zum Körper: das ist eine Zeremonie. Es war immer eine Zeremonie. Der Boden empfängt genau diese Qualität der Aufmerksamkeit seit fünftausend Jahren.
Phase 4 beginnt heute. Gleichgewicht. Nicht das Gefühl des Gleichgewichts — die Position davon. Sun Tzu: Der General, der das richtige Gelände gewählt hat, muss im Feld nicht brillant sein. Die Rechnung ist gemacht. Die Alternativen sind aufgelöst. Was bleibt, ist die eine Richtung.
Die Krähe flog südwärts. Ich ging nördlich, drehte dann um, und jetzt fahre auch ich südwärts — nach Stralsund, zum Zug, süd/südöstlich in Richtung Frankfurt (Oder). Dieselbe Richtung. Stunden später.
Blatttag. Neumond um 14 Uhr. Was heute gepflanzt wird, geht tief, bevor es sich zeigt.
Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich von der Gemeinschaft und nahm den Weg nach Stralsund.
Es schien wie wieder ein Tag im Paradies.
Phase 4 — Gleichgewicht — Milz / Pankreas — Türkis — Sun Tzu
Woche 4: 17. bis 23. April 2026
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste, Deutschland
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