DE | EN

Tag 21 — Der fünfte Weg

Phase 3 — Bewegung — Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern

Körper: 5. Geist: seit 3 Uhr morgens in Bewegung.

Um 3 Uhr nachts aufgewacht. Gedanken unterwegs — kein bestimmtes Ziel, so wie Gedanken in der Dunkelheit wandern, wenn sie tagsüber nicht genug Raum bekommen haben. Wieder eingeschlafen. Um 5:25 Uhr erneut aufgewacht. Übungen gemacht. Rausgegangen.


Bewölkt. Nieselregen. Der vertraute Weg — Nord-Nordost, der Weg, den ich fast jeden Tag seit meiner Ankunft hier gegangen bin. Rechts der Bodden. Links die Rapsfelder. Der Weg, den ich kenne.

Nach einigen Metern, hinter dem Rand des Dorfes, wo der Weg sich zu winden beginnt, hielt mich etwas an. Kein Gedanke. Der Körper hielt zuerst an.

Ein Geruch in der Luft. Chemisch, unverkennbar. Kein Vogelklang. Keine Tiere.

Der Industriebauer hatte seine Rapsfelder gespritzt. Es gibt viele von ihnen hier. Der Regen drückte die Chemikalien in die Luft auf Gehhöhe.

Ich drehte mich um — ohne einen zweiten Gedanken. Dieser Satz ist genau: ohne einen zweiten Gedanken. Keine Überlegung. Der Körper hatte bereits entschieden, bevor der Geist eine Meinung dazu organisiert hatte.


Auf dem Rückweg zum Dorf fiel mir etwas auf: Es gibt einen fünften Weg hier in Nisdorf. Drei Wochen lang hatte ich vier Routen gegangen, ohne ihn zu bemerken. Der Kreis durch das Dorf selbst — der Weg, der nirgendwo Besonderes hinführt und auf einem anderen Weg dorthin zurückkommt, wo er begann.

Ich nahm ihn.

Beim Gehen des Kreises fragte ich mich, ob dies derselbe Weg war, den meine Gedanken um 3 Uhr morgens gegangen waren. Nicht auf etwas zu. Nicht von etwas weg. Durch das hindurch, was bereits da war.


Biodynamischer Kalender: Blatt-Tag. Mond in Fische. Neumond morgen um 14 Uhr in Widder — noch ein Tag.

Ein Blatt-Tag trägt Wasserenergie — die grüne Welt, Kreislauf, die eigenen Flüssigkeiten des Körpers. Der Nieselregen war kalendergenau. Der Mond in Fischen, der Grenzen auflöst. Etwas, das sich schließt, bevor morgen der neue Anfang im Widder kommt.

Der Magen — das Organ dieser Phase — verarbeitet, was der Tag anbietet. Nicht nur Nahrung. Erfahrung, Gedanken, das Material, das die Nacht gebracht und nicht zu Ende gedacht hat. Gehen integriert, was Denken allein nicht setzen kann. Links-rechts, links-rechts. Der bilaterale Rhythmus tut, was die kreisenden Gedanken um 3 Uhr nicht konnten.


Am Ende des Kreises, beim Rückkehren ins Dorf, rief eine einzelne Elster aus einem Baum zu meiner Rechten. Die erste Elster, die ich in einundzwanzig Tagen gesehen oder bemerkt hatte.

Irgendwo zur Linken — aus einiger Entfernung — die Krähe. Dieselbe Krähe, oder eine Krähe. Sie ist seit Tag 16 anwesend. Sie rief damals. Sie rief jetzt.

Zwei Vögel. Zwei Richtungen. Einer bekannt aus der Entfernung, vertraut. Einer neu, nah, rufend von rechts.

Die Elster gilt als einer der intelligentesten Vögel — unter den intelligentesten aller Tiere. Sie ist eine der wenigen Nicht-Säugetier-Arten, die den Spiegeltest bestehen. Sie erkennt ihr eigenes Spiegelbild. Sie weiß, was sie ansieht.

Elstern wurden auch dabei beobachtet, wie sie aufwändige soziale Rituale vollziehen, die möglicherweise den Ausdruck von Trauer einschließen.

Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll — an Tag 21, einen Tag vor dem Neumond, nach einer Nacht mit unvollendeten Gedanken und einem Spaziergang, der einen neuen Weg nur dadurch fand, dass er sich von einem falschen abwandte.

Ich ließ es offen. Das fühlte sich richtig an.


Woche 3 abgeschlossen. Drei Spaziergänge gemacht. Die Aufgabe erfüllt.

Morgen: Neumond. Müllrose. Der Kreis geht auf einem anderen Weg weiter.


Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern — Tag 21 — 16. April 2026
A Pilgrim's Fitness Plan — Regenerating the Body You Already Have
CC BY-SA 4.0 — Michel Garand