Blau war Blau
Tag 44 — 9. Mai 2026
Aufwachgefühl: -7.
Erstes Geräusch um 3:50 — Vögel. Wieder eingeschlafen. Um 5:30 aufgewacht, Körper und Geist wollten noch horizontal bleiben. Dann die Sonne, schon über dem Horizont. Aufgestanden. Übungen. Raus.
Frost auf dem Weg zwischen dem Bodden und den Rapsfeldern. Mond im Steinbock seit 07:00 — ein Wurzeltag. Die Luft hatte die Qualität, die nur Frost bringt: kristallklar, jede Farbe an ihrem eigenen Ort, getrennt von allem anderen. Blau war blau. Gelb war gelb. Grün war grün. Braun war braun.
Die Schwäne lagen verstreut über den Bodden, jeder an seinem Platz.
Zwei kleine Vögel flogen aus dem Busch vor mir heraus und landeten auf dem Weg. Ein dritter kam dazu. Sie flogen um mich herum und zogen weiter. Das Singen der Vögel, der Raps, der Bodden — die Landschaft war heute Morgen voller Freude.
Die letzten Wochen waren Vorbereitung. Ein Bauer verbringt Wochen damit, das Feld vorzubereiten, bevor er sät — und wenn er den Samen in die Erde legt, beginnt die eigentliche Arbeit. Nicht kontrollieren, was wächst. Mit ihm arbeiten. Den Bedingungen Aufmerksamkeit schenken. Auf eine Ernte hin.
Ich ging und dachte an Liebe. An Vertrauen. Warum ich aufgebaut habe, was ich zwischen mir und denen aufgebaut habe, die ich am meisten liebte.
In meiner Jugend war ich tief verliebt. Die Art, die keine Berechnung kennt. Eines Tages kam ich nach Hause, und meine Mutter sagte mir, dass sie bei einem Unfall gestorben war.
Ich ging in den Wald. Ich weinte. Ich kam mit der Trauer in der Brust nach Hause.
Vielleicht habe ich sie nie losgelassen. Vielleicht habe ich seitdem niemanden nah genug an mich herangelassen — nicht vollständig, nicht die letzte Distanz — aus einer Angst, die so alt ist, dass sie bis heute Morgen keinen Namen hatte.
Wurzeltag.
Heute werde ich eine Kerze anzünden.
Tag 44 — Phase 7 — Wort — Blase — Onyx — Das Buch Hiob
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Ostseeküste
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