Angst
Tag 12 — Phase 2 — Dickdarm — Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern
Tag 12. Aufwachgefühl: 6.
Einen unter gestern. Kein schlechtes Zeichen. Nur ehrlich.
Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang bin ich ans Bodden-Ufer gegangen. Fünf Wildschweine — große — wühlend am Wasserrand. Ohne Eile. Keine Angst beim Wühlen. Nur Appetit und Richtung. Ich stand und schaute, bis sich das Licht veränderte.
Kalt. Der Wind, der sich nach Tagen des Drückens legte. Die Art von Stille, die ankommt, nachdem sich etwas erschöpft hat.
Ich beginne zu verstehen, was Verlangsamen tatsächlich impliziert.
Ich war seit Jahren nicht in diesem Zustand. Möglicherweise länger als Jahre. Das Tun war immer da — das Projekt, die nächste Aufgabe, die nächste Phase. Auch hier, in den ersten Tagen in Gut Nisdorf, hat mich das Tun gefunden: die Ghost-Beiträge, die Dokumente, die Architektur. Nützlich. Notwendig. Und auch: vertraut.
Jetzt verschiebt sich etwas. Die Struktur hält sich selbst. Das Land ist hier. Der Garten ist hier. Achim und Ina sind weg. Keine Agenda, die von außen auferlegt wird.
Und ich bin unruhig.
Kein Zusammenbruch. Etwas Präziseres als das. Ein Limbus — der Raum zwischen dem Tun und dem, was kommt, nachdem das Tun aufhört. Ich bin irgendwo dazwischen: die Unruhe sitzt still, und sie zieht zum Füllen des Raumes. Noch nicht in eine Richtung aufgelöst.
Ich habe es heute Morgen benannt: Angst.
Nicht die klinische Art. Die existenzielle Art. Die Art, die ankommt, wenn das Tun aufhört und das Sein noch nicht mitgekommen ist.
Das Tao Te Ching kennt dieses Terrain. Wu wei — nicht forcieren, nicht füllen. Aber Wu wei ist schwerer als Handlung. Handlung hat eine Form. Nicht-Handlung hat keine. Man kann sich nicht hinein-optimieren. Man kann dafür keine Dokumentenstruktur bauen.
Die Wildschweine heute Morgen hatten kein solches Problem. Appetit, Richtung, das kalte Wasser, das heraufkommende Licht. Einfach.
Ich schaute von außerhalb dieser Einfachheit.
Phase 2 schließt sich morgen. Dickdarm — das Organ des Loslassens. Ich dachte, Loslassen würde sich wie Erleichterung anfühlen. Es stellt sich heraus, dass Loslassen sich auch wie Schwindel anfühlen kann. Was geht, wenn das Halten aufhört.
Die Angst handelt vom Limbus selbst. Und davon, was der Limbus enthüllen könnte.
Beides. Das ist die ehrliche Antwort.
Noch zwei Tage, um damit zu sitzen, bevor Phase 3 ankommt und mich zum Bewegen auffordert.
A Pilgrim's Fitness Plan — Gut Nisdorf 2026
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern — April 2026
CC BY-SA 4.0 — Michel Garand