Der Fischer
Tag 48 — Gut Nisdorf
Aufwach-Gefühl: 6.
Leichter Kopfschmerz. Wind und Vögel um 4:35 Uhr. Übungen gemacht — Kopfschmerz weg.
Der Weg zwischen dem Bodden und dem Raps. Keine Sonne. Schwere Wolken in vielen Grautönen. Raps gelb auch ohne Licht — ein kaltes Gelb gegen den Himmel. Wind aus dem Westen. Leichter Rapsduft an der ersten Kurve.
Vögel still. Ein wenig Zwitschern, nichts Anhaltendes. Keine Schwäne auf dem Bodden.
Gestern habe ich meinem Sohn von den zwei Wölfen erzählt.
Schwarzer Wolf: Angst, Wut, Groll. Weißer Wolf: Liebe, Mut, Klarheit. Der, der gewinnt, ist der, den man füttert. Er saß auf einer Steinmauer und hörte zu. Ich sagte ihm: Folge deinem Herzen. Ich sagte ihm: Ich wünschte, ich könnte die Uhr um 4 Monate zurückdrehen.
Das können wir nicht.
Später, am Bahnhof, eine junge Frau, die ich kenne, seit sie vier Jahre alt war. Wir sahen uns aus der Ferne — beide schon weinend, bevor wir uns erreichten. Heiße Schokolade für sie, Kaffee für mich. Eine Steinmauer draußen. Sie sprach von ihren Plänen — Menschen helfen, Seawatch wenn sie die Schule beendet. Ihre Tränen zeigten, dass sie weiß, was Trennung kostet. Sie hat es auch getragen.
Im Zug zurück fragte ich mich: Welchen Wolf füttere ich?
Während ich das schreibe — fast jeden Morgen — wacht Julika auf. Frühstückt. Macht sich fertig für die Schule. Fast jeden Morgen habe ich sie bis zum Tor begleitet und mich verabschiedet. Eine Umarmung und ein Kuss. Bis ich diesen Post fertig habe, ist sie auf dem Weg.
Dann das Geräusch des Bootes.
Ich habe es viele Male gehört — ein kleiner Motor draußen auf dem Wasser, ein Fischer, der seine Netze überprüft, bevor der Tag beginnt. Das Geräusch gehört. Die Anwesenheit wahrgenommen. Ihn nie anerkannt.
Diesen Morgen erkenne ich ihn und seine Anwesenheit an.
Diesen Morgen: ein Mann allein in der Mitte des Boddens. Kalter Wind. Graues Wasser. Das Motorengeräusch, das über die Schilfflächen trägt.
Ich fragte mich: Wartet zuhause eine Familie auf ihn? Ist das der Grund, warum er fast jeden Tag hinausfährt?
Ich kenne seinen Namen nicht. Ich kenne das Geräusch seines Motors.
Mond in Fische. Blatt. Auflösung.
„Frieden zu üben, Frieden in uns lebendig zu machen — das bedeutet, Verständnis, Liebe und Mitgefühl aktiv zu kultivieren, auch angesichts von Missverständnissen und Konflikten."
— Thich Nhat Hanh, Creating True Peace (2003)
Day 48 — Phase 7 — Word — Bladder — Onyx — Book of Job
Gut Nisdorf, Mecklenburg-Vorpommern, Baltic Coast
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